160 Jahre Volksbanken
Diese Umstände und die Entstehung der Aktiengesellschaft setzten Bedingungen, unter denen die Gewerbetreibenden und Handwerker zunehmend unter Druck gerieten. Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, entwickelten sich zunächst Wohltätigkeitseinrichtungen, wie der 1847 gegründete "Kreuzer-Verein zur Unterstützung der Wiener Erwerbsleute". Zunehmend setzten die Betroffenen aber auf wirtschaftliche Selbsthilfe.
Der erste österreichische Vorschussverein, dessen Organisation einer Schulze-Delitzsch-Kasse nahe kam, war der "Gewerbliche Aushilfskassenverein" in Klagenfurt. Seine Gründung fällt in die Jahre 1850/51 und stand noch nicht unter dem unmittelbaren Einfluss des deutschen Vorbildes Schulze-Delitzsch. Ähnliche Aushilfsvereine entstanden in Altlerchenfeld in Wien (1855), Laibach (1856) und Troppau (1858). Noch früher (1847) war in Aussig in Böhmen ein Aushilfskasse entstanden, die sich später aber nie eine registrierte Genossenschaft umwandelte. Es folgte die Gründung weiterer Vereine in Schönlinde (1853) und in Böhmisch-Zwickau (1856).
Erst ab dem Jahre 1858, als die Schulzeschen Prinzipien in Österreich publik wurden, näherten sich die Statuten der Vorschussvereine einer gewissen Gleichmäßigkeit, indem wenigstens ihre hauptsächlichsten Bestimmungen einander im Wesen ähnlich wurden.
In der Folge setzte die erste große Gründungswelle von Kreditgenossenschaften ein. Im Jahre 1864 bestanden bereits 118 Kreditvereine, darunter auch die erste landwirtschaftliche Vorschusskasse 1863 in Krems.
Die neue Bewegung beschränkte sich nicht auf die Deutschsprachigen, sondern griff auch auf die Tschechen und bis Ende der Sechzigerjahre auch auf die Polen über. Der erste tschechische Verein wurde 1858 von einem Schustermeister in Wlaschim gegründet. Die Organisation und Leitung der Genossenschaften wurde bei den Tschechen bald zu einer wichtigen nationalen Aufgabe und führte zur Spaltung der böhmischen Vorschussvereine in nationale Gruppen.
Im Gegensatz zur Entwicklung in Deutschland blieb das österreichische Genossenschaftswesen sehr lange Zeit ohne jegliche Gallionsfigur. Dies war nicht zuletzt auf die politische Lage in Österreich zurückzuführen, da es einerseits nicht möglich war, die Genossenschaften aller österreichischen Nationalitäten zu vereinigen, andererseits sich aber auch die Deutschsprachigen in Österreich nicht in einem Verband zusammenzuschließen vermochten.
Eine zweite Gründungswelle von Kreditgenossenschaften setzte in Österreich während der Blütezeit des Liberalismus (1867-1873) ein, als Vertreter des "Vereins für volkswirtschaftlichen Fortschritt" mit Vorträgen und Versammlungen in Wien und Niederösterreich die Vorzüge der Selbsthilfe propagierten. Ein wichtiger Schritt am Ende dieser Phase war die Verabschiedung des Genossenschaftsgesetzes 1873, mit dem die Anerkennung der Genossenschaft als eigenständige Rechtsform erfolgte.
In den Jahren der großen Krise ab 1873 fehlte es zwar nicht an Zusammenbrüchen, die aufsteigende Bewegung der Kreditgenossenschaften setzte sich aber fort, vor allem bei den Tschechen, die sich bereits 1865 einen Interessenverband geschaffen und 1868 eine Zentralbank gegründet hatten.
Nicht so rasch verliefen die organisatorischen Fortschritte der deutschsprachigen Kreditgenossenschaften, deren überwiegende Mehrheit sich nicht dem 1872 gegründeten Allgemeinen Verband anschloss.
Ihre Entwicklung verlief sehr unterschiedlich: In den kleineren Orten blieben sie großteils ihren genossenschaftlichen Grundsätzen treu, während sie sich in den Städten als Kleinbanken des wohlhabenden Mittelstandes etablierten, die zwar zum Aufstieg größerer Gewerbetreibender zu Fabrikanten beitrugen, den Kreditbedürfnissen der mittellosen Handwerker aber immer seltener nachkamen.
Dies führte so weit, dass um die Jahrhundertwende seitens des Handelsministeriums Kritik gegen die Schulze-Delitzsch-Kassen vorgebracht wurde, die in der Folge die Regierung veranlasste, die Vergrößerung und Neugründung von Kreditgenossenschaften staatlich zu fördern und die Errichtung einer staatlichen Zentralgenossenschaftskasse zur Steuerung der Gewerbeförderung zu forcieren.
Nach dem Ende des ersten Weltkriegs stand die gesamte Wirtschaft Österreichs vor einer schweren Bewährungsprobe: Die engen Verknüpfungen mit den anderer Regionen der Donaumonarchie wurden zerschlagen, "Restösterreich" fand sich mit einer überdimensionierten Staatsbürokratie im "Wasserkopf" Wien, einem allzu kriegsindustriell geprägten Fertigungssektor aber auch einem hypertrophen Dienstleistungsbereich wieder.
Der letztlich erfolglose Versuch der Wiener Großbanken, die regionale Stellung im Donauraum aufrechtzuerhalten, führte zu einer Fülle von Zusammenbrüchen und Fusionen, die letztlich in dem großen Kreditanstalt-Krach von 1931 mündeten.
In dieser überaus schwierigen Situation, in der Österreichs Wirtschaft nur ganz kurz an die Leistungskraft der Vorkriegszeit herankam, bewährten sich die Kreditgenossenschaften des Systems Schulze Delitzsch am Rande, aber mit überdurchschnittlichem Erfolg.
Es gelang ihnen in der Regel, die spekulativen Exzesse der Inflationsperiode und Börsenhausse bis 1924 zu vermeiden, und sie verfielen nicht der Versuchung, der so viele Großbanken unterlagen: die Aktiven in illiquiden Veranlagungen zu binden, kurzfristig zu borgen und langfristig zu leihen.
Die Geschichte der gewerblichen Kreditgenossenschaften in der Zwischenkriegszeit kann damit als Bewährung des Grundsatzes "small is beautiful" gesehen werden. Die Verweigerung Politik und Geschäft zu vermischen, eine Praxis, die damals selbst Großbanken in den Abgrund zog, hat sich damals entscheidend bewährt, wiewohl die fehlende Anbindung an "hohe politische Protektoren" zuweilen Benachteiligungen nach sich zog.
Zugleich wurde mit der Gründung einer eigenen Zentralkasse im Jahr 1922 ein wesentlicher Schritt zur Stärkung des sektoralen Verbunds getan, und in mühevoller Arbeit zu Anfang der dreißiger Jahre die Verbandseinheit erreicht.
Österreich wurde von der Weltwirtschaftskrise in besonderem Maße getroffen, dennoch wurde auch in den dreißiger Jahren der Weg der Modernisierung und Rationalisierung im gewerblichen Kreditgenossenschaftssektor fortgesetzt. Langsam setzte sich auch der Name Volksbanken durch - er wurde unter diktatorischen Vorzeichen nach 1938 noch stärker forciert, zugleich aber kam es aufgrund von Zwangszusammenlegungen zu einem Verlust an Bankstellen, der noch lange Zeit bedauert wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Wiederaufbau der österreichischen Wirtschaft. Unter großen Anstrengungen der Mitglieder, Funktionäre und der Geschäftsleitungen gelang es nicht nur die Geschäftstätigkeit der Volksbanken rasch wieder aufzunehmen und ihren ordnungsgemäßen Betrieb zu reaktivieren, sondern auch das vom nationalsozialistischen Regime zerschlagene Verbandswesen neu zu organisieren.
Die strenge staatliche Reglementierung des österreichischen Kreditwesens bis Ende der 70er Jahre verhinderte ein organisches Wachstum des österreichischen Bankensektors.
Die nicht immer konsequente Umsetzung der Organisations- und Geschäftsprinzipien von Schulze-Delitzsch führte Mitte der 80er Jahre zu einer Krise des Volksbankensektors, die jedoch aus eigener Kraft bewältigt werden konnte, ohne eine, auch von einigen Kreisen im Sektor selbst angestrebte, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen und die Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Volksbankensektors zu opfern.
Die erfolgreiche Umsetzung des Verbundstrukturkonzepts Ende der 80er war die Voraussetzung für eine Konsolidierung, die aus einem geschwächten Volksbankensektor den ertragsstärksten Bankensektor Österreichs werden ließ.
Gegenwärtig erleben wir weltweit eine atemberaubende Welle von Fusionen in der Finanzwirtschaft, die den etwa medizinisch klingenden Begriffs ,,Fusionitis" gebräuchlich gemacht hat.
Die Forcierung ,,des Shareholder-Value-Konzepts" bei mehreren international tätigen Banken, eine damit verbundene Konzentration auf Kerngeschäftsfelder und der Abstoß von nicht genügend profitablen Geschäftstätigkeiten, die manchmal in ein ,,Rosinenpickendes"-Verhalten gegenüber den Kunden ausartet, läßt viele mittelständische Unternehmen bei den Großbanken zu unerwünschten Kunden werden.
Dadurch eröffnen sich aber gerade für die kleineren, auf die Bedürfnisse der lokalen Märkte ausgerichtete Kreditinstitute, wie eben die Volksbanken, neue Wachstumschancen.
Der österreichische Volksbanken-Verbund setzt auf eine Vertiefung der genossenschaftlichen Kundenpartnerschaft als Strategiekonzept. Sie basiert auf einem optimalen Ausgleich zwischen den Interessen der Volksbanken, ihrer Mitglieder und ihrer Kunden. Die Umsetzung dieses Konzepts erfolgt durch eine stärkere Einbindung der Mitglieder in ihrer Doppelfunktion als Eigentümer und Kunden - nicht nur in die Eigenkapitalbildung der Volksbanken, sondern auch in die Gestaltung und die Umsetzung ihrer Geschäftspolitik. Die Verstärkung der Identifikation der Mitglieder und der Kunden mit ihren Volksbanken ist die Folge. Das führt nicht nur zu einer größeren Loyalität ihnen gegenüber, sondern bringt vor allem eine Ausweitung des Geschäftsvolumens durch eine umfassende Bankbetreuung der Mitglieder und der Kunden.
Die Stärkung der Marktposition der Volksbanken auf ihren lokalen Märkten setzt eine, auf ihre Bedürfnisse ausgerichtete und auf den Prinzipien der Subsidiarität beruhende, Verbundstruktur voraus. Die Optimierung der Geschäftsbeziehungen zwischen den Volksbanken, der ÖVAG und den Verbundunternehmen bringt mit sich, dass ein höheres intersektoralen Geschäftsvolumen generiert werden kann. Auch Kostenersparungen können so erzielt werden, die die Profitabilität, die Effizienz und dadurch die Konkurrenzfähigkeit des Volksbankensektors gegenüber den anderen Bankensektoren in Österreich erhöhen.
